Einmal die Woche klingelt der Briefträger bei mir und überreicht mir einen großen Pappumschlag vom Verlag an der Ruhr. Dieser Brief ist immer so groß, dass er nicht in unseren kleinen Briefkasten passt. Jedesmal entschuldige ich mich und verspreche, mir mal einen größeren Briefkasten zuzulegen, doch der Briefträger ist nett und geduldig, und so vergesse ich es immer wieder …
Im Pappumschlag des Verlages befinden sich weitere kleinere und größere Umschläge. Die kleineren Briefe sind Rückmeldungen von einzelnen Schülern, die Kontakt zu mir aufnehmen; in den größeren Umschlägen befinden sich ganze Klassensätze von Briefen.
Durchschnittlich gerechnet komme ich auf ca. 100 Briefe pro Woche, die ich alle sorgfältig lese und einzeln beantworte.
Das macht viel Arbeit und kostet, wenn man das Porto betrachtet, auch ein ganz schönes Sümmchen, und doch liebe ich diese Arbeit sehr.
Die Arbeit als Schriftsteller ist eine einsame Arbeit, und nur selten erfährt man, wie die Bücher bei den Lesern ankommen. Diese Briefe aber, zu denen ich auch in den Arbeitsmappen ausdrücklich auffordere, geben mir die Chance, direkt mit den Lesern in Kontakt zu treten. Das ist oft ungeheuer spannend.
Da gibt es Briefe, in denen die Schüler rückmelden, was ihnen an meinen Büchern gefallen und nicht gefallen hat. Andere machen Verbesserungsvorschläge. Einige senden weitere Kapitel zu einzelnen Romanen.
Lehrer melden sich ebenfalls zu Wort, und erzählen, wie sie die Lektüren in den Unterricht eingebettet haben oder wie ihnen das Arbeitsmaterial gefallen hat.
Auch lustige Dinge gibt es zu lesen. Einige Schüler fragen, wer der süße Typ auf dem Cover ist, andere wollen die ICQ- oder Handynummer eines der Protagonisten von mir bekommen. Das zeigt mir immer wieder, wie real vielen Schülern die einzelnen Personen erscheinen, und es tut mir fast weh, ihnen mitteilen zu müssen, dass ich mir die Personen „nur“ ausgedacht habe, und sie leider gar nicht existieren.
Dann gibt es noch Briefe, die wirklich unter die Haut gehen, und für die ich einige Zeit brauche, um sie zu beantworten. Das sind die Briefe, in denen mir Schüler von ihren Problemen mit ihren Eltern, ihrer Schulsituation oder ihrem gesamten Leben erzählen.
Einige berichten z.B. von den Alkoholproblemen ihrer Eltern, andere erzählen von ihrem Schulschwänzen oder einer frühen Schwangerschaft.
„Vor einiger Zeit habe ich selbst die Schule geschwänzt“, schreibt ein Schüler. „Aber jetzt habe ich gemerkt, dass das überhaupt nichts bringt. Ich gehe jetzt wieder regelmäßig in die Schule und hoffe, dass ich das Schuljahr schaffe.“
„Ich habe vor einem halben Jahr auch ein Kind gekriegt“, berichtet eine Schülerin. „Als ich das Buch „Aber ich bin doch selbst noch ein Kind!“ gelesen habe, ist mir das alles noch mal hoch gekommen. Wie es so bei mir war, damals. Das war ein Stress mit den Eltern und der Schule.“
„Ich habe das Buch „Merkt doch keiner, wenn ich schwänze!“ gelesen, und es ist so, als wenn du mein Leben aufgeschrieben hättest“, meldet sich eine Schülerin. „Das Buch war wunderschön.“ Dann erzählt sie weiter aus ihrem Leben. Dass sie Einzelkind ist, ihre Mutter einen Selbstmordversuch hinter sich hat und nun überlegt, ob sie ihre Tochter, die ihr immer wieder so große Schwierigkeiten macht, in ein Heim bringen soll. „Schreib mir BITTE zurück!!!!“ endet der Brief.
Ich spüre, wie viel Verantwortung ich manchmal in der Rolle der Briefe schreibenden Autorin habe, wie wichtig es einigen Schülern ist, dass ich meine Meinung zu der Situation mitteile. Darin steckt auch die Hoffnung, dass ich eine Idee habe, die verfahrene Situation zu lösen.
Natürlich weiß ich, dass ich diese oft verfahrenen persönlichen Situationen nicht mit einem Brief verändern kann, und doch ist es mir wichtig, allen Schülern mit Ernsthaftigkeit und Respekt zu begegnen. Mit meinem Antwortbrief hoffe ich, einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass sie sich angenommen und verstanden fühlen.
Annette Weber
In einem Interview für die Zeitschrift "spielen und lernen" berichtet unsere Autorin Gisela Braun über Möglichkeiten, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen.
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