Briefe von Lesern sind etwas ganz Besonderes. Als würde beim Öffnen des Briefes etwas Zauberpulver auffliegen. Wir haben noch nicht miteinander gesprochen, wissen nicht, wie wir aussehen und plötzlich haben wir etwas gemeinsam. Wir sprechen über eine Geschichte, die wir beide kennen. Manchmal gefällt uns die gleiche Figur in einem Buch, manchmal sind wir unterschiedlicher Meinung.
Oft habe ich dann das Gefühl, für einen Moment im Leben meiner Leserinnen und Leser ganz wichtig zu werden. Einmal schrieb mir ein Mädchen, dass mein Buch das allererste Buch in ihrem Leben war, das sie gelesen hatte. Es hatte ihr gefallen. Jetzt wollte sie noch ein paar mehr Bücher lesen. Ich war sehr froh, dass sie sich nicht gegen das Lesen entschieden hatte.
Manchmal bekomme ich auch einen Stapel Briefe, aus dem am Ende eine Lesung wird. Erst sieht es aus wie bei allen anderen Briefen. Eine Klasse hatte mir geschrieben, wie ihnen mein Buch gefallen hatte. Ich antwortete natürlich, wie ich das mit allen Briefen meiner Leser mache. Ein paar Tage später kam dann eine E-Mail, ob ich nicht Lust hätte, zu einer Lesung zu kommen.
Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Ein Buch schreibt man alleine, und man weiß nie so genau, wie die Leser es finden. Deswegen habe ich sofort zugesagt. Ein paar Wochen später saß ich dann vor 80 Schülern.
Vor der Lesung war noch große Pause. Alle tobten auf dem Schulhof. Eine Lehrerin begrüßte mich und zeigte mir die Schule und den Raum, in dem ich gleich lesen sollte. Bis alle erst einmal saßen, war es sehr laut, und ich war mir nicht sicher, ob mir jemand zuhören würde. Aber dann wurde es ganz ruhig. 80 Augenpaare sahen mich erwartungsvoll an.
Bis zu diesem Moment war alles beinahe normal. Dann kam etwas Magie ins Spiel. Magie lässt sich schlecht beschreiben, man muss sie selbst erleben. Als ich zu lesen begann, fühlten wir uns plötzlich irgendwie vertraut, wie Freunde. Ich hatte keinen der Schülerinnen und Schüler vorher gesehen, und keiner kannte mich. Aber sie kannten mein Buch. So kannten wir alle etwas Gemeinsames und das brachte uns für eine kurze Zeit näher. Das ist für mich die Magie einer Lesung. Ein Buch schafft es, Menschen, die sich nicht kennen, von einem Augenblick auf den anderen zu Freunden zu machen.
Über eine halbe Stunde habe ich gelesen, und es blieb die ganze Zeit ruhig. Danach gingen sofort mehrere Arme nach oben, und die Schüler stellten mir viele Fragen. Ob ich das selbst erlebt habe, wie ich aufgewachsen bin, was ich zu diesem und jenem denke, wie ich Schriftsteller geworden bin. Mit den Fragen erzählen die Schüler auch, was sie selbst interessiert. Und das ist für mich immer besonders spannend.
Am Ende des Tages hatte nicht nur der Schriftsteller ein Gesicht bekommen, sondern auch 80 Leser. Ich freue mich schon auf die nächste Lesung mit neuen Gesichtern und ein klein bisschen Magie.
Ben Faridi
Zum 1. Mai hat Carolin Köhne die Leitung der Redaktion Sekundarstufe übernommen. Dabei ist sie keine Unbekannte für uns. Die 29-Jährige absolvierte ihr Volontariat in Mülheim und arbeitete danach 2 Jahre als Redakteurin für den Verlag an der Ruhr.


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